Dialog der Generationen mittels Kunst

Kulturelle und digitale Bildung im Zusammenspiel

Seit 2012 führen wir innerhalb der Medienkunstvermittlung generationsübergreifende Projekte durch. Häufig werden wir gefragt, warum wir überhaupt Generationenprojekte machen und dann auch noch als Do It Yourself-Angebot.

Im Gespräch mit der Kulturanthropologin Frau Dr. Rita Kramp haben wir uns gemeinsam über unsere Erfahrungen der vergangenen Jahre ausgetauscht. Entstanden ist dabei diese schriftliche Reflexion:

Aus dem Generationenworkshop
© Janet Sinica / SK Stiftung Kultur (Aus "TONAUTEN - Ein Instrumentenbau und Klangkunstworkshop für zwei Generationen", 2. bis 7. Juli 2018)

Generationen bilden das Grundgerüst unserer wie jeder anderen Gesellschaft, sie dienen der Verortung des Einzelnen, sie sind derart selbstverständlich, man denkt kaum über sie nach. Man nimmt das Ordnungsprinzip unserer Gesellschaft nicht wahr, auch wenn es beispielsweise in der medialen Werbewelt als Qualitätsbegriff eingesetzt wird: seit Generationen unübertroffen..., seit Generationen in der Familie… etc. sind Synonyme für Kontinuität, Stabilität, Verlässlichkeit. Was uns wichtig ist, worauf wir stolz sind, wird von Generation zu Generation weitergegeben. So entsteht ein Wissensfundus, ein Erfahrungshorizont, ein Wertekanon, auf den eine neue Generation zurückgreifen kann. Überzeugungen und auch moralische Haltungen werden mit dieser Tiefe der zeitlichen Überlieferung begründet.

Im Gegensatz zu Jahrgangskohorten sind Generationen Träger gemeinsamer historischer Zeiterfahrungen, sie stellen damit eine nach Karl Mannheim bereits in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts festgestellte „gesellschaftliche Lagerung“ dar. Menschen einer Generation verfügen über einen gemeinsamen Erinnerungs- bzw. Erfahrungsfundus, der von ihnen bewusst oder unbewusst an die nächste Generation weitergegeben wird. Eine gesellschaftliche Kontinuität wird damit gewährleistet, die allerdings Konflikte in sich birgt. So existieren parallele Generationen mit sehr unterschiedlichen historischen Prägungen, die sich gegenseitig Stagnation und Reflexionsverweigerung vorwerfen. Beispielsweise besteht die „Generation der 68er“ bei weitem nicht nur aus rebellierenden Studenten aus dem politisch eher linken Sektor, sondern auch aus recht konservativ gesinnten jungen Angestellten, die sich um den Aufbau ihrer Karriere kümmern, ein Haus errichten und eine Familie gründen wollen. Damit entstehen nebeneinander und zeitgleich sehr unterschiedliche Wertesysteme, die den einzelnen Menschen prägen und sein Bild von sich selbst beeinflussen.

In menschlichen Gemeinschaften wird bzw. wurde das Wissen stets von der älteren Generation auf die jüngere Generation weitergegeben, wobei aufgrund des Lebensalters meist nur 2, höchstens 3 Generationen zur Verfügung standen. Heute erreichen wir bei verbesserter Gesundheit ein deutlich höheres Alter, was uns in die Lage versetzt, den Generationenaustausch auszuweiten und zu vertiefen. Mütter und Töchter, Väter und Söhne ähneln sich in ihrer Lebensgestaltung, das Bild dieser Generationen nähert sich an, eine äußere körperlich wahrnehmbare Distanz wird meist erst in der 3. Generation deutlich. Daneben verändern sich die Lebenswelten rapide, das bewährte Wissen der Alten verrückt zu Anekdoten, und um sich in dieser Welt zurechtzufinden, benötigen sie die Expertise der Jungen. Dafür steht der neue pädagogische Generationenbegriff: intergenerationelles Lernen, der die unterschiedlichen Lebenserfahrungen von Angehörigen verschiedener Altersgruppen nutzbar macht.

Besonders dabei zu berücksichtigen ist hier das Wechselspiel zwischen analoger und digitaler Kommunikation, wobei durch die rasante Entwicklung und Ausbreitung der digitalen Medien die Bedeutung der analogen Welt in den Hintergrund zu rücken scheint. Der Psychologe und Soziologe Paul Watzlawick hat bereits in den 60er Jahren dieses Grundprinzip der beiden Kommunikationsformen in seinen Axiomen festgeschrieben. Dieses Prinzip ist auch heute unverändert aktuell: Der Anteil an digitaler Kommunikation ist zwar enorm gestiegen, die Bedeutung der analogen Komponente deshalb doch nicht verschwunden. Die digitalen Medien transportieren Botschaften auf Textbasis, denen die nonverbalen analogen Anteile –Mimik, Gestik, Körperhaltung – fehlen. Trotzdem transportieren die Texte diese Bedeutungen mit und werden vom Empfänger interpretiert, so dass ein (Miss-)Verständnis möglich wird. Der interpretatorischen Leistung fällt damit unvermindert eine Bedeutung zu, die in irgendeiner Form kulturell vermittelt werden muss, soll denn die Botschaft verstanden und positiv in unterschiedlichen Lebenssituationen integriert und beantwortet werden.

Die junge Generation steht vor einem Dilemma: ihre Lebenswelt wird komplexer, die Wahlmöglichkeiten schier unerschöpflich, aber es gibt keinen Erfahrungsschatz, aus dem sie Anleitung und Orientierung ableiten könnte. Die Mitglieder dieser jungen Generation müssen ihre Handlungsstrategien fast täglich adaptieren und in dieser Unsicherheit Entscheidungen treffen, die auch für die ältere Generation Konsequenzen hat. Es ist beispielsweise für einen jungen Menschen nicht selbstverständlich, ein lebenslanges Arbeitsleben in einem festgeschriebenen Berufsfeld zu absolvieren. Die Erfüllung des Generationenvertrags in seiner bisherigen Form wird nicht als selbstverständliche Verpflichtung aufgefasst, sondern vielmehr wird Flexibilität unter dem Motto „lebenslanges Lernen“ eingefordert. Damit entsteht ein Konflikt zwischen Jung und Alt, differenziert durch eine Vielzahl anderer gesellschaftlicher Gruppierungen nach Geschlecht, beruflicher Position, politischer Präferenz, Lebensstil-Ausprägungen und vieles mehr.

Mit dieser Ambivalenz – Solidarität versus Selbstverwirklichung, Autonomie versus Abhängigkeit, gesellschaftliche Geborgenheit versus Individualität – setzt sich auch die Kunst auseinander. Kunst hat immer auch einen Aspekt gesellschaftlicher Bedingtheit, der Künstler wird geprägt von seiner historischen Position, auch in ihm finden sich „gesellschaftliche Lagerungen“, die er mit manchen seiner Zeitgenossen teilt. Allerdings wird er in seinen Werken diese Lagerungen individuell gestalten, sie reflektieren und damit eine Wirkung erzielen, die im besten Fall zu einer Kommunikation mit dem Betrachter zur Folge hat. Die Kunst stellt eine Transformation des Gegenstands dar, die mehr als den Gegenstand selbst abbildet. Sie schöpft etwas Neues, verlagert den Gegenstand in ein Symbol, eine metaphorische Aussage, eine Bewegung oder ein Objekt, was der Kommunikation eine besondere Bedeutung verleiht.

In den verschiedenen Workshops der SK Stiftung zum Thema: Dialog der Generationen treffen junge Menschen auf Angehörige älterer Generationen und treten mit Hilfe von Künstlern und künstlerischen Arbeitstechniken in einen Dialog. Dieser Dialog eröffnet den Teilnehmern Einsichten in neue Lebenswelten und bietet eine Reflexionsfläche für die eigene Lebensposition: Die Vielfalt, die Differenziertheit des Gegenübers wird sichtbar, die eigenen Wahrnehmungs- und Ausdrucksmöglichkeiten verbreitern sich. Das Bild des Anderen bekommt neue Facetten, Kategorien wie „alt“ und „jung“ sind nicht mehr das alleinige Merkmal bzw. werden mit neuen Bedeutungen gefüllt. In der bewussten Verwendung analoger und digitaler Kommunikationsmittel, dem Zusammenspiel von Syntax und Bedeutung, von Informationsübermittlung und Interpretation, werden die Teilnehmer in den Workshops sensibilisiert für eine differenzierte Wahrnehmung der sie umgebenden Lebenswelten. Sie erfahren die Wirkung, die ihre eigenen Kommunikationsmethoden auf die Außenwelt ausüben, welche Resonanzen entstehen. Gleichzeitig wird der Blick auch gelenkt auf die eigenen Person, auf die Inszenierung der eigenen Identität, kurz: auf die eigene Performance und im besten Fall entstehen „Bilder von Lebensalter“, die der schillernden Vielfalt des menschlichen Wesens gerecht werden.

(Text: Dr. Rita Kramp, 2018)

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